Felix Wundersam: Das Feuer (2)

Wundersam starrte in die Flammen. Die Worte schien er kaum wahrgenommen zu haben, doch ihr Ton hatte sich ihm ins Gehirn eingebrannt. Seine Gedanken aber waren anderswo, als hätte das Feuer ihn an einen anderen Ort, in eine andere Zeit getragen …
… ein Wintertag, kalt, trüb, trostlos. Ein Haus, ein Feuer im Kamin, ein Buch, ein Glas Rotwein oder auch eine Tasse Kaffee oder Kakao … Ein Buch
… ein Sommertag, der zu Ende geht, winzige Mücken, die im Licht der Dämmerung ihres kurzen Lebens tanzen, Vögel, die den Tag mit Gesang verabschieden. Die Luft wird wieder kühler nach der Hitze des Tages, in der Nase der Geruch des Lagerfeuers, vermischt mit den Düften der Pflanzen, auf der Haut die Wärme der Flammen, und auch der kühle Hauch, der einen aufatmen lässt …
Das Prasseln der Flammen, dazu ein Rascheln, ein Rauschen, viele Seiten jetzt, die sich im Luftsog des gierigen Feuers bewegen, sie flüstern, als wollten sie sterbend noch einmal ihren Inhalt weitergeben … Weiterlesen

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Felix Wundersam: Das Feuer (1)

Weiter vorne, auf dem Universitätsplatz, warf Lichtschein die Silhouetten einer Menschenmenge auf die Häuserwände. Das tanzende, flackernde Licht musste von einem Feuer stammen. Wundersam erreichte die Menschenansammlung, trat näher heran, versuchte, weiter nach vorne zu gelangen. Trotz der großen Anzahl von Leuten war es nicht laut, eine beinahe andächtige Stille herrschte auf dem Platz. Das Prasseln der Flammen war gut zu hören, nur zwischendurch immer wieder einzelne Rufe. Ganz vorne, beim Feuer, waren einige gleichförmig gekleidete Männer beschäftigt. Es sah so aus, als versorgten sie das Feuer mit Brennmaterial. Wundersam schob sich zwischen zwei kräftigen Herren hindurch und konnte nun erstmals einen unver­stellten Blick auf das Feuer werfen. Was da brannte waren Bücher. Hunderte von ihnen. Weiterlesen

Felix Wundersam: Der Nachbar

Wundersam wurde durch ein Klopfen aus dem Schlaf gerissen, dessen Herkunft er nicht be­stimmen konnte. Er meinte schon, sich getäuscht zu haben, da wiederholte es sich, diesmal dringlicher und länger. Nun konnte er es bei der Tapetentüre hinter seinem Bett verorten, die ein Überbleibsel aus früherer Zeit war, bevor man eine größere Wohnung in mehrere kleinere aufge­teilt hatte, und die er beinahe ganz vergessen gehabt hatte, da sie immer verschlossen und auch sehr unauffällig war. Erst durch jenes Klopfen, als sein Blick suchend durch das Zimmer schweif­te, hatte er sich eben wieder an sie erinnert. Verwundert näherte er sein Ohr der Türe, gerade als es ein drittes Mal klopfte.
„Wer ist denn da?“, fragte er hinüber.
„Ich bin es, Ihr Nachbar“, kam es leise zurück. Weiterlesen

Felix Wundersam: Das Treffen (3)

Man versammelte sich, nachdem alle eingetroffen waren, um einen langen Tisch. Wenn diese Leute eine umstürzlerische Gruppe darstellten, so schien ein guter Teil der revolutionären Tätigkeit darin zu bestehen, Bier zu trinken und Zigaretten zu rauchen. […]
Im Ganzen waren es, soweit sich das sagen ließ, mit ihnen an die zwanzig Leute. Doch schienen noch mehr Personen anwesend zu sein, als es nachprüfbar der Fall war. Beständig huschten auch hier, im Nebenzimmer, Schatten über die Wände und über die Rauchschwaden in der Luft, immer nur aus dem Augenwinkel und für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar. Echos früherer Aufführungen oder Besucher schienen durch den Raum zu driften.
„Die Zeit als vierten Vektor im Koordinatensystem des raumzeitlichen Kontinuums ange­nommen“, mutmaßte Hilbert, „lässt sich durchaus denken, dass ein Teil des von einer Quelle ausgesandten Lichtes – denn Licht vielmehr als sein dialektischer Bruder, nach dem dieses Theater benannt ist, macht das Wesen dieses Ortes aus – sich nicht entlang der drei Raum­achsen ausbreitet, sondern entlang der vierten Achse in etwas fällt, was uns Betrachtern die Vergangenheit oder Zukunft wird …“ Weiterlesen

Felix Wundersam: Das Treffen (2)

Wundersam war überrascht, als ihn Hilbert zum Kellereingang eines der zahlreichen Schatten­theater der Stadt führte. Diese Theater, in denen nach alter Tradition Geschichten in Schatten­rissen auf eine Leinwand geworfen wurden, waren inzwischen hauptsächlich bei Touristen beliebt, doch heute fand keine Vorstellung statt. Stattdessen durchquerten die drei Männer den Vorstellungsraum und gelangten so zum seitlich gelegenen Eingang eines Hinterzimmers, wo ein als eine Art Posten aufgestellter vierter sie empfing. Hilbert und Freilig waren bekannt. Es wurden Finger ineinandergehakt, die Fäuste und die flachen Hände auf- und aneinandergeschlagen, und dies in einem Muster, dem Wundersam nicht annähernd folgen konnte. Er wurde wohl als vertrauenswürdiger Gast durch die Kontrolle geschleust, folgerte er, wenn er auch wenig davon mitbekam.
Der Raum war dicht mit vielen Menschen und noch mehr Tabakrauch gefüllt, so dass zunächst die Übersicht und etwas auch das Atmen schwerfiel. Ein Mann mit wirrem dunklem Haar trat Wundersam unvermittelt in den Weg und fixierte sein linkes Ohr. Weiterlesen

Felix Wundersam: Das Treffen (1)

Hilbert wartete schon am Eingang des Blauen Kellers auf Wundersam, eine Selbstgedrehte im Mundwinkel.
„Ich dachte schon, Sie kommen nicht mehr!“ Und indem er auf Wundersams Umhängetasche deutete, fügte er hinzu: „Was schleppen Sie denn da mit sich herum?“
„Es tut mir leid, ich … wurde aufgehalten. Deswegen bin ich auch nicht mehr nach Hause gekommen.“
„Nun ja, macht ja nichts … Kommen Sie.“
„Wohin gehen wir denn? Oder können Sie mir das nicht sagen?“
„Wir gehen ins Theater“, entgegnete Hilbert und lachte leise.

Unterwegs trafen sie auf einen Bekannten von Hilbert. Es war ein blasser junger Mann, dem das strähnige blonde Haar in die Stirn des runden, meist etwas überlegen-leidend blickenden Kin­dergesichtes fiel. Man hatte den gleichen Weg, begrüßte sich, stellte sich vor. Der andere streckte Wundersam eine etwas klamme schmale Hand entgegen.
„Friedrich Freilig, freut mich …“
Er hatte diese Worte kaum geäußert, als er sich jäh umdrehte, als habe etwas in seinem Rücken ihn furchtbar erschreckt. Weiterlesen

Felix Wundersam: Im Kaffeehaus

Nachdem Thea gegangen war, bestellte sich Wundersam eine Tasse Kaffee. Auf der hölzernen Tischplatte vor sich bemerkte er eine schwarze Stelle, die aussah wie verkohlt. Sie war zu groß, als dass sie nur von einer heruntergefallenen Zigarette oder umgefallenen Kerze hätte stammen können. Jemand hatte etwas verbrannt, Papier wahrscheinlich. Wundersam hatte solche Brand­stellen schon öfter gesehen, und er betrachtete diese mit einer Mischung aus unbestimmter Wehmut und Unruhe.
Die Kaffeehäuser waren beliebt bei jenen, die trotz allem das Schreiben noch nicht aufgegeben hatten oder sich nicht abschrecken ließen. Es war, anders als in den meist äußerst kargen Unter­künften solcher Unbeirrter, warm und bequem, und man konnte meist ungestört stunden­lang vor einer Tasse Kaffee oder einem Glas einfachen Weins sitzen und so Seite um Seite füllen. Doch es gab Kontrollen. Weiterlesen

Provisorium

Jedes Provisorium hat etwas Tröstliches an sich. „Es ist ja nicht für immer“, können wir uns jedesmal sagen, wenn wir eine solche vorläufige Einrichtung betrachten. Unser ganzes Leben können wir uns so als Provisorium einrichten, und nur das Vergehen der Zeit, also das Schwinden der Zukunft, bedroht diesen Trost der zukünftigen Möglichkeiten.

Jedes Provisorium hat auch etwas Anklagendes an sich. „Sieh, auch das ist ja wieder nicht für immer“, hält es uns unablässig vor, und der einzige Weg, dem zu begegnen, wäre, sich doch einmal zu entscheiden, etwas wirklich auf Dauer zu wollen, und damit die ewig aufgeschobene Möglichkeit einzuschränken auf das, was ist.

Felix Wundersam: Professor Lörracher

Wundersam kannte Professor Lörracher, dessen wortgewaltige, emphatisch vorgetragene Vorlesungen ein großes Publikum anzogen, noch von seinem Studium. Seine Erscheinung war bekannt auf den Gängen der Universität, eine fast überraschend hohe Gestalt, freilich aber mit schlurfendem Gang und immer leicht gebeugt, als könne der Hals den übergroß und -schwer wirkenden Kopf nicht ganz aufrecht tragen. Dieser Eindruck wurde von dem schwarz-grauen drahtigen Haarkranz nur noch verstärkt, der als himmelwärtiges Gegenstück zu dem nur scheinbar nachlässigen Dreitagebart und ganz private olympische Wolke den schon sich lichtenden Schädel krönte, und dessen schwerkrafttrotzende Erscheinung manchem Spötter wohl das Bild von einem elektrischen Schlage hätte eingeben können.
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Felix Wundersam: Der Aufmarsch

Auf der Straße war sich nähernder Lärm, doch Wundersam war wieder einmal in Gedanken ge­wesen und hatte nicht darauf geachtet. Jetzt bog eine ganze Menschenmenge aus der nächsten Seitenstraße. Wundersam sah Männer in Reih und Glied, grau gekleidet, und darüber Banner in den Farben der GVP1. Ein SiKo2-Aufmarsch! Einen Augenblick lang erfasste Wundersam Er­trinkensangst, als er die graue Woge unaufhaltsam und scheinbar ohne Ausweg auf sich zurollen sah. In den Häusern standen Menschen in den Fenstern, und auch zu den Seiten der Straße begannen sich jetzt Neugierige anzusammeln. Wundersam drückte sich in den Schatten zwischen zwei Gebäuden, wo eine schmale Gasse zum Hinterhaus führte, und beobachtete von dort das Vorüberziehen der grauen Flut. Er sah in die verschiedenen, zwischen die Uniform­kragen und die niedrigen Kappen gezwängten Gesichter der Männer, in ihre stur vorwärts ge­richteten Augen – doch da war nichts. Keine Begeisterung, kein fanatischer Eifer, und das erschreckte Wundersam vielleicht am meisten. Traktoren in Menschengestalt schoss es ihm durch den Kopf, und er wusste nicht, woher er zitierte3.
Die gleichförmige Menge war vorüber, der Lärm verklang. Die Zuschauer zerstreuten sich, und auch Wundersam nahm zaghaft seinen Weg wieder auf.


1 Die „Große Volkspartei“, die derzeit die Regierung stellt
2 Die „Sicherheitskolonne“, eine uniformierte Untergruppe der GVP, als Schlägertrupp bekannt.
3 Wir wissen allerdings: Das Zitat stammt aus Jewgeni Samjatins Roman „Wir“